Zeitgenössischer Roman

Wo das Meer heimkehrt

Ein Roman über Verlust, Sehnsucht und den Mut, neu zu beginnen.

Buchcover von Wo das Meer heimkehrt, von Pablo R. De Lima
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Über das Buch

In einer kleinen Buchhandlung am Kai von Paraty lebt Helena zwischen alten Seiten und den Gezeiten des Schweigens. Als sie einen vergessenen Brief in einem Gedichtband entdeckt, beschließt sie zu antworten — ohne zu wissen, für wen.

Auf der anderen Seite ist Caio, ein einsamer Übersetzer, der vor seinen eigenen Verlusten flieht. Was als Irrtum beginnt, wird zu einem Zufluchtsort. Ohne sich je begegnet zu sein, weben sie eine tiefe Korrespondenz — ein Beweis, dass nicht jede große Liebe laut sein muss, um gefühlt zu werden.

„Manche Abwesenheiten bleiben so fest wie Stein.“

Was Sie erwartet

Paraty als Figur

Die Kopfsteinpflaster, das ruhige Meer, die Buchhandlung Mar e Palavra — Orte, die atmen und Geheimnisse bewahren.

Briefe, die die Zeit überdauern

Handgeschriebene Worte, die mehr Wahrheit in sich tragen als jede flüchtige Nachricht.

Lyrische, introspektive Prosa

Ein langsamer, kontemplativer Rhythmus für Leserinnen und Leser, die zwischen den Zeilen lesen wollen.

Kostenlose Leseprobe

Kapitel 1

Als das Meer mir schrieb

„Manche Orte sprechen leise. Man muss in sich still werden, um sie zu hören.“ — Unbekannt

Es war einer jener Morgen, an denen das Meer mit langen, tiefen Atemzügen ruhte.

Drinnen, in der kleinen Buchhandlung am Kai, hing der Duft von altem Papier, Salz und frisch gebrühtem Kaffee in der Luft.

Helena wischte über die hölzerne Theke — nicht aus Not, sondern aus jener Gewohnheit, die sie von Clotilde geerbt hatte: die Hände zu beschäftigen, wenn das Herz zu still wird.

Schräg fiel das Licht durch die Lamellen der Fensterläden und ließ die schiefen Buchrücken aufleuchten wie vergessene Zeilen.

Mar e Palavra — Meer und Wort — hieß die Buchhandlung. Und wie so vieles in Paraty war sie ein Ort, an dem die Zeit den Atem anhielt. Ein Raum, der mehr aus Geschichten bestand als aus Wänden.

Im Hof saß Clotilde, ihre Großtante, und flocht Netze unter der Veranda. Oft hatte sie gesagt, manche Gezeiten sprächen — für jene, die lauschen können.

Helena zweifelte längst nicht mehr daran.

Beim Durchsehen eines Stapels gespendeter Bücher entdeckte sie ihn: einen abgegriffenen Band portugiesischer Lyrik, sein blauer Einband vom Atem der Jahre gezeichnet.

Als sie ihn aufschlug, glitt ein Brief zwischen den Seiten hervor.

„Lieber Seu Vicente,
Verzeih die späte Antwort. Ich wusste nicht, ob ich schreiben sollte.
Seit unserem letzten Treffen haben sich die Gezeiten gewandelt. Doch manche Abwesenheiten bleiben so fest wie Stein.
Ich hoffe, das Meer leistet dir weiterhin Gesellschaft.“

Unbekannt

Helena verharrte mit dem Brief in den Händen.

Draußen klangen die Stimmen der Welt: Möwenrufe, Schritte auf nassem Stein, das leise Klirren von Tassen im Café an der Ecke.

Doch in ihr regte sich nur Stille — tief und weit wie das Meer.

Clotilde trat ein, ein Tuch in den Händen.

„Ein Geheimnis gefunden?“ fragte sie mit einem wissenden Blick.

Helena reichte ihr den Brief.

„Er steckte in diesem Gedichtband.“

Clotilde las ihn rasch, ohne Fragen. Dann sagte sie nur:

„Briefe ohne Ziel finden manchmal uns. Als wüssten sie, wo sie landen sollen.“

Später, als die Buchhandlung längst geschlossen war und das Meer sacht an die Eingangsstufen schlug, stieg Helena die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf.

Sie nahm ein Blatt Papier und setzte sich an den Schreibtisch.

Das weiße Blatt vor ihr — ein Meer aus Fragen, die noch keinen Hafen kannten.

Sie skizzierte, radierte, begann erneut.

Und schrieb schließlich:

„An den Verfasser:
Ich bin nicht Seu Vicente. Doch ich habe deine Worte gelesen, wie man das Echo eines längst vergessenen Namens vernimmt.
Das Meer leistet mir weiterhin Gesellschaft. Und manchmal — auch die Stille.“

Jemand vom Kai

Sie faltete den Brief behutsam — als lege sie Worte in eine Flaschenpost.

Am nächsten Morgen, ehe sie den Laden öffnete, ging sie zum alten Briefkasten auf dem Platz.

Der eiserne Deckel knarrte — ein heiserer, kurzer Laut, als hielte er vergessene Erinnerungen gefangen.

Ein Kind rannte vorbei, schmelzendes Eis tropfte von seinen Händen.

Helena zögerte. Für einen Moment wollte sie den Brief zurück in die Tasche gleiten lassen.

Doch dann atmete sie tief ein und ließ den Umschlag hineinfallen.

Und kehrte zurück — mit dem Gefühl, als sei an diesem Tag ein neuer Faden in ihr Gewebe gewoben worden.

Im Hof ließ Clotilde die Nadel weitergleiten, den Blick aufs Meer gerichtet.

„Manche Briefe kehren mit dem Wind zurück. Und manche Netze holen Erinnerungen ein — ohne es zu wollen“, sagte sie — mehr zu den Wellen als zu ihrer Nichte.

Helena schwieg. Doch als der Abend kam, spürte sie: Das Meer stand näher an der Tür. Als ob das Meer selbst in dieser Nacht lauschte — und eine Antwort erwartete.

Und Helenas Brief reiste. Doch auf der anderen Seite des Meeres zögerte bereits jemand, den Umschlag zu öffnen — als fürchte er, ein einziges Wort könne den Lauf der Gezeiten verändern.

So beginnt Kapitel 2. Lesen Sie weiter mit dem vollständigen Buch.

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